Eine Kamera macht Bilder. Ein Fotograf gibt ihnen Namen. Was zwischen Bild und Name passiert, ist die ehrlichere Frage.
Im Oktober 2008 war ich in Zingst. Ostsee, Darß, leerer Strand, Wind. Ich hatte eine Kamera dabei und habe einen Tag lang fotografiert — Sandstrand, Brandung, die Bäume an der Küste, die der Wind in Form gebogen hat. Was ich heute, fast zwei Jahrzehnte später, anders sehe als damals, sind nicht die Bilder. Es sind die Titel, die ich ihnen gegeben habe.
„Gedanken versunken." „Windflüchter." „See(h)n Sucht." „Gemeinsam auf den Horizont schauen." Das sind keine technischen Beschreibungen. Das sind kleine Selbstporträts eines 32-Jährigen am Strand, die ich erst im Rückblick als das lese.
Was an dem Tag in Zingst entstanden ist und was es heute über Sprache, Wahrnehmung und den Mensch hinter der Kamera sagt, kommt jetzt.
Was Werktitel verraten
Wenn du dir eigene Bilder ansiehst, merkst du schnell, dass nicht jedes einen Titel braucht. Die meisten Schnappschüsse stehen für sich. Du gibst ihnen einen Dateinamen, vielleicht ein Stichwort, fertig.

Manche Bilder rufen aber nach einem Titel. Sie sind nicht selbstverständlich. Sie tragen eine Aussage, die du erst durch die Benennung anerkennst. Ich habe diesen Bildern damals Titel gegeben, ohne lange zu überlegen — und genau diese Titel sind die ehrlichsten Spuren des Tages.
„Gedanken versunken" steht unter einem Bild von Sand. Was siehst du? Sand. Was hat der Fotograf gesehen? Etwas, das er „Gedanken versunken" genannt hat. Der Titel sagt mehr über den Tag als das Bild.
Die Windflüchter
An der Küste in Zingst stehen Bäume, die der Wind über Jahre in Form gebogen hat. Sie heißen Windflüchter. Sie wachsen nicht aufrecht, sie wachsen in die Richtung, die sie können.

Wenn du sie das erste Mal siehst, ist das ein bisschen verstörend. Bäume, die nicht senkrecht sind, wirken falsch. Beim zweiten Hinsehen verstehst du: Sie sind nicht falsch. Sie sind charakterisiert. Sie tragen die Geschichte des Ortes in ihrer Form.
Ich habe damals mehrere Windflüchter fotografiert, aus verschiedenen Perspektiven. Was ich heute daraus lese: Der jüngere Alexander wollte verstehen, was es heißt, sich zu beugen, ohne zu brechen. Das war keine kalkulierte Coaching-Metapher. Das war eine Frage, die im Bild liegt, ohne dass der Fotograf sie damals so benannt hätte.
See(h)n Sucht

Das ist der Werktitel, den ich heute am liebsten habe. Ein Wortspiel auf „See", „sehen" und „Sehnsucht". Drei Schichten in einem Wort, jede für sich tragend.
Wenn ich das Bild anschaue, sehe ich Strand und Horizont. Wenn ich den Titel lese, sehe ich einen jungen Mann am Strand, der nicht ganz da ist, sondern halb woanders. Sehnsucht ist nichts, was du fotografieren kannst. Aber du kannst ein Bild so betiteln, dass die Sehnsucht im Wort steckt.
Das ist die Lektion. Sprache ist nicht Beschreibung. Sprache ist eine Zusatzkomponente, die das Bild fertig macht. Was am Foto nur Andeutung ist, wird durch den Titel eine Aussage.
Gemeinsam auf den Horizont schauen

Dieser Titel ist erstaunlich präzise. Er sagt nicht „Zwei Menschen am Strand". Er sagt nicht „Spaziergang". Er sagt, was die zwei tun: gemeinsam in eine Richtung schauen, in die noch nichts feststeht.
Im Coaching ist das eine der wichtigsten Bewegungen, die ich kenne. Wir setzen uns nicht gegenüber, wir setzen uns nebeneinander. Wir schauen nicht aufeinander, wir schauen in dieselbe Richtung — auf das, was noch unklar ist. Das ist eine Haltung, kein Setting.
Dass ich 2008 ein Bild so betitelt habe, ohne den Coaching-Begriff dafür zu haben, ist für mich heute aufschlussreicher als das Bild selbst. Die Haltung war schon da, sie hatte nur noch keinen Namen.
Was ein Rückblick auf eigene Bilder zeigt

Eigene Bilder anzusehen ist eine seltsame Übung. Du erinnerst dich an den Tag, aber du erkennst dich auch nicht ganz. Was du damals wichtig gefunden hast, ist heute Nebensache. Was du damals nicht gemerkt hast, springt dir jetzt ins Auge.
Werktitel sind dabei die ehrlichsten Marker. Sie sind nicht poliert. Sie sind das, was dir in dem Moment eingefallen ist. Wenn du fünfzehn Jahre später deine eigenen Titel liest, lernst du, wer du damals warst — und manchmal, wer du immer noch bist.
Ich glaube, das ist der Grund, warum Coaches und Therapeutinnen so oft mit Tagebüchern arbeiten. Es geht nicht um die Tatsachen, die du notiert hast. Es geht um die Worte, die du damals gewählt hast. Diese Worte sind dein damaliges Selbst, gespeichert in Sprache.
Was du daraus für deinen eigenen Blick lernen kannst

Wenn du fotografierst, gib deinen Bildern ab und zu einen Titel. Nicht jedem. Nur den, die sich nach einem rufen. Ein Wort, ein Satz, ein Wortspiel — alles ist erlaubt.
Wenn du nicht fotografierst, mach das gleiche mit deinen Wochen. Ein Wort pro Woche, das die Woche zusammenfasst. Nicht der Wochenrückblick mit zwölf Bulletpoints. Ein Wort.
Wenn du diese Wörter ein Jahr lang sammelst, hast du am Ende einen Selbstporträt-Atlas, den keine andere Methode dir geben kann. Du siehst nicht, was du gemacht hast. Du siehst, was du gesehen hast.
Zingst, 17 Jahre später

Ich war seit 2008 nicht mehr in Zingst. Vielleicht fahre ich nochmal hin. Vielleicht nicht. Was bleibt, ist die Foto-Serie und sind die Titel, die ich ihr gegeben habe.
Der Tag war ein Tag wie viele andere. Ein Strand, ein Wind, eine Kamera. Was ihn besonders gemacht hat, sind die Worte, die ich am Abend zu den Bildern dazu geschrieben habe. Diese Worte trage ich noch immer in mir — nicht als Erinnerung an den Tag, sondern als Erinnerung daran, wie ich damals geschaut habe.
Manchmal ist das, was du in deine Bilder hineingesehen hast, das ehrlichste Foto, das du je gemacht hast.