Manche Touren gehst du, weil du sie planst. Andere gehst du, weil ein Sonntag im November kommt und keiner zu Hause bleiben will. Die zweite Sorte ist die ehrlichere.
Im November 2024 sind wir als Familie zur Jochbergalm gegangen. Eine klassische Voralpen-Tour zwischen Walchensee und Kochel, kein Gipfel-Ziel, kein Höhenmeter-Sport. Was sie zu einer der Touren des Jahres gemacht hat, war nicht der Berg. Es war die Geschwindigkeit, in der wir gegangen sind.
Auf solchen Touren verstehe ich Sachen, die im Coaching-Gespräch nicht aufkommen. Wenn du Führung beobachten willst, schau dir an, wie Eltern mit Kindern auf einem Bergweg umgehen. Das ist die ehrlichere Variante von Leadership als alles, was du in Trainings lernst.
Was ich an dem Tag mitgenommen habe und seither immer wieder im Job wiederfinde, kommt jetzt.
Die Jochbergalm und der Sonntags-Modus
Die Jochbergalmen liegen am Jochberg, zwischen Walchensee und Kochel am See, knapp eine Autostunde südlich von München. Kein Berg, der dich technisch fordert. Ein Aufstieg, der mit Kindern in drei bis vier Stunden machbar ist, je nach Variante und Pausen-Bedarf.
Im November bekommst du eine Tour, die du im Sommer so nicht hast. Die Saison ist vorbei. Die meisten Wanderer sind schon in den Skiplänen und nicht mehr im Voralpenland. Die Almen sind geschlossen, die Wege ruhig. Was die Sicht nicht hergibt — keine grünen Wiesen, keine Sommerlichkeit —, gibt die Stille zurück.

Genau das ist der Sonntags-Modus, den eine Familie braucht. Keine Bergstation, kein Lift, keine Schlange. Du gehst, wenn ihr fertig seid. Du wartest, wenn die Schuhbänder sich auflösen. Du isst dort Brotzeit, wo gerade ein flacher Stein liegt. Eine Tour, die sich nicht selbst inszeniert.
Das Tempo der Familie
Wer in einer Familie auf den Berg geht, lernt schnell ein Tempo, das in keinem Wanderführer steht. Es ist nicht das Tempo der Erwachsenen, nicht das der Kinder, nicht der Mittelweg. Es ist das Tempo, das gerade passt, und es ändert sich alle 20 Minuten.
Am Anfang ist alle Energie da. Die Kinder rennen vorweg. Du bremst, damit niemand zu schnell zu hoch will. Dann kommt die Mitte. Jemand hat keinen Hunger gehabt, jetzt hat er Hunger. Jemand hat die zweite Jacke vergessen, die er jetzt bräuchte. Jemand fragt zum dritten Mal, wie weit es noch ist. Du gehst nicht mehr, du verhandelst.

Und dann kommt der Punkt, an dem die Stimmung kippt. Bei den Kleinen meistens dort, wo der Weg steiler wird, ohne dass die Aussicht schon belohnt. Bei den Großen dort, wo sie merken, dass das eigene Tempo nicht das Tempo ist, das gerade geht. Beide Punkte gehören zur Tour. Wer sie überspringt, hat keinen guten Sonntag gehabt.
Warum Familien-Führung ehrlicher ist als Team-Führung
In Teams kannst du dich auf Strukturen verlassen. Es gibt Rollen, es gibt Ziele, es gibt ein wirtschaftliches Verhältnis. Auch wenn du als Führungskraft schlecht führst, läuft das System eine Weile weiter, weil andere Schichten greifen.
In einer Familie auf einem Bergweg gibt es keine Schichten. Wenn jemand nicht weitergehen will, gibt es niemanden, der das übernimmt. Wenn jemand sich verkantet, kannst du nicht delegieren. Wenn du selbst gerade angespannt bist, sehen es die anderen sofort und übernehmen die Anspannung.

Was funktioniert: das, was im Coaching die schwierigsten Klienten lernen. Ruhig bleiben, wenn andere unruhig werden. Eine Frage stellen statt eine Anweisung geben. Tempo rausnehmen, wenn alle hochfahren wollen. Sich selbst nicht über die Familie stellen, sondern als Teil des Tempos verstehen.
Wer auf einem November-Bergweg mit Kindern keine schlechten 20 Minuten produziert, kann das im Job auch. Wer auf dem Weg meckert, schimpft oder durchzieht, kann das im Job auch — und wundert sich dann, warum sein Team das gleiche Verhalten zeigt.
Was Übergänge dir beibringen
Auf einer Familientour passieren die wichtigsten Momente in den Übergängen. Vom Parkplatz auf den Weg. Vom flachen Stück in die Steigung. Von der Mittagspause wieder ins Gehen. Von der Aussicht zum Rückweg.

In jedem Übergang ist eine Reibung. Wer gerade gut gelaufen ist, will weiter. Wer Pause gebraucht hätte, will jetzt nicht zurück ins Gehen. Wer auf der Aussicht war, will da bleiben und nicht den Abstieg starten. Die meisten Konflikte einer Tour passieren in diesen 30-Sekunden-Fenstern.
Im Job ist das genauso. Übergänge zwischen Meetings, zwischen Projektphasen, zwischen Arbeitsmodi. Die meisten Spannungen, die ich im Coaching höre, passieren nicht in den Arbeitszeiten, sondern in den Übergängen dazwischen. Wer Übergänge gestalten kann, hat eine Kompetenz, die mehr trägt als Tools und Methoden.
Eine Familie auf einem Bergweg ist ein gutes Übungsfeld. Du kannst Übergänge nicht delegieren, du kannst sie nicht abkürzen, du musst sie aushalten.
Praktisches, wenn du selbst hingehen willst
Ausgangspunkt ist meist Jachenau oder der Walchensee. Vom Parkplatz Schwarzlaine sind es rund 600 Höhenmeter, zwei bis drei Stunden Aufstieg, je nach Pausen. Mit Kindern eher drei. Festes Schuhwerk reicht, ein Hauch von Trittsicherheit für die letzten Meter zur Alm.
Beste Zeit für Familien: Mai bis Oktober, wenn die Almen offen sind und die Brotzeit oben stattfindet. Im November bekommst du eine andere Tour — leere Wege, geschlossene Hütten, eigene Brotzeit. Beide Varianten haben ihren Punkt.

Plan einen ganzen Sonntag ein. Nicht eine halbe. Familientouren brauchen den Vor- und Nach-Modus genauso wie die Tour selbst. Frühstück langsam, Anfahrt ohne Stress, abends ein Kuchen am Walchensee. Wenn du den Tag nur auf die Höhenmeter optimierst, hast du den eigentlichen Punkt verpasst.
Was du als Führungskraft mitnehmen kannst
Drei Dinge habe ich von dieser Tour ins Coaching mitgenommen, die ich seither immer wieder zurückspiele.
Erstens. Lerne das Tempo der Schwächsten, ohne sie kleiner zu machen. Im Team ist das die Person mit der wenigsten Erfahrung. In der Familie das jüngste Kind. Das Tempo ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn du es als Bremse beschreibst, statt als Maßstab.
Zweitens. Gestalte Übergänge bewusst. Was im Job zwischen den Terminen passiert, ist nicht Lücke, sondern Substanz. Wer auf dem Bergweg lernt, in den Übergängen ruhig zu bleiben, kann es im Büro auch.

Drittens. Übe Führung außerhalb des Jobs. Eine Familientour ist nicht Wellness. Sie ist Training für das, was im Job am schwierigsten ist — andere Menschen mitnehmen, ohne sie zu zwingen. Wenn du das auf einem Sonntag zur Jochbergalm hinbekommst, sitzt es Montagmorgen anders im Bauch.

Die Jochbergalm ist kein spektakulärer Berg. Genau deshalb war sie der richtige Sonntag.