Leadership Coaching blog

Selbstführung kommt zuerst, nicht zuletzt

Selbstführung ist keine Kür nach der Teamführung, sondern die Voraussetzung dafür.

KI-unterstützt

Darum geht es

  • Selbstführung ist keine Kür nach der Teamführung, sondern ihre Voraussetzung.
  • Es geht nicht um Disziplin, sondern um eine ehrliche Information über deinen eigenen Zustand.
  • Drei Beobachtungsfragen am Sonntagabend erklären dir eine Woche, die du sonst nur durchlebt hast.

Für dich

Wo warst du diese Woche bei dir, und wo hat dich etwas geführt, das du nicht benannt hast?

Welches offene Gespräch schleppst du gerade mit, ohne dass es auf deiner Liste steht?

Der häufigste Satz von Führungskräften in ihren ersten beiden Jahren geht so: Wenn das Team läuft, läuft der Rest. Klingt vernünftig. Es ist trotzdem falsch herum. Du kannst niemanden führen, dessen Zustand du nicht kennst, und der erste, dessen Zustand du selten kennst, bist du.

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Und ich rede nicht von Disziplin. Disziplin ist, den Wecker eine Stunde früher zu stellen. Was ich meine, ist die Frage, ob du am Dienstag wusstest, warum du gereizt warst. Das ist eine andere Größe. Sie lässt sich nicht durch mehr Willen herstellen, sondern nur durch Hinsehen.

Du führst zuerst den, den du am wenigsten anschaust

Peter Drucker hat in The Effective Executive einen unbequemen Anfang gesetzt: Wirksamkeit beginnt nicht beim Team, sondern bei der ehrlichen Frage, wohin deine Zeit und deine Aufmerksamkeit wirklich fließen. Nicht wohin du glaubst, dass sie fließen. Wohin sie tatsächlich fließen.

Für eine junge Führungskraft ist das eine Zumutung. Sie hat gerade gelernt, auf andere zu achten: auf Stimmungen im Team, auf den, der still wird, auf den, der zu viel redet. Nur eine Person bekommt in diesem Radar keinen Punkt: sie selbst. Über jeden im Team gibt es irgendwann ein Gespräch. Über dich führt niemand eins, außer du.

Das ist die eigentliche Lücke. Nicht die fehlende Methode, nicht das fehlende Seminar. Der blinde Fleck sitzt an der Stelle, von der aus du guckst.

Klarheit ist eine Information, kein Gefühl

Wenn ich von Klarheit rede, meine ich nichts Erhebendes. Ich meine eine Information über dich, so nüchtern wie ein Tankstand. Weißt du, in welchem Zustand du in das Zehn-Uhr-Meeting gegangen bist? Oder bist du nur reingelaufen, weil es im Kalender stand?

Der Unterschied ist nicht akademisch. Eine Führungskraft, die ihren eigenen Zustand nicht kennt, hält ihre Reaktionen für Entscheidungen. Sie sagt einem Mitarbeiter etwas Scharfes und glaubt, es sei die Sache gewesen. Dabei war es der schlechte Schlaf von letzter Nacht, weil ein anderes Gespräch offen geblieben ist. Das Team bekommt das ab, ohne zu wissen, woher es kommt. Und du weißt es auch nicht.

Klarheit heißt hier nur eines: Du kannst deine Reaktion von der Sache unterscheiden. Mehr braucht es nicht, und weniger reicht nicht.

Drei Fragen am Sonntagabend

Ich stelle mir seit Jahren am Sonntagabend drei Fragen. Keine To-do-Liste. Keine Kennzahlen. Nur Beobachtung.

Wo war ich diese Woche bei mir? Wo war ich nicht bei mir? Was steht der nächsten Woche im Weg?

Das dauert keine zehn Minuten, und es ändert nichts an der Woche, die vorbei ist. Was es ändert, ist, dass die nächste Woche nicht mehr namenlos an dir vorbeizieht. Dir fällt auf, wie oft du schlecht geschlafen hast, weil ein Gespräch offen war. Wie oft du gereizt warst, weil du drei Tage nicht draußen warst. Wie oft du von Termin zu Termin gerannt bist, ohne sagen zu können, warum der Tag so voll war.

Der Kern ist, dass es keine Fragen nach Leistung sind. Die dritte, was im Weg steht, ist keine Planung. Sie ist eine Ahnung, die du dir erlaubst ernst zu nehmen, bevor sie am Mittwoch zur Tatsache wird.

Verantwortung beginnt bei dem, was du bei dir zulässt

Christopher Avery beschreibt Verantwortung als einen Weg, den der Kopf jedes Mal neu geht: erst leugnen, dann Schuld zuweisen, dann rechtfertigen, dann Scham, dann Pflichtgefühl, und erst ganz am Ende, wenn überhaupt, echte Verantwortung. Das Interessante ist, dass du diesen Weg zuerst mit dir selbst gehst, lange bevor du ihn im Team moderierst.

Wer die schlechte Woche auf das Team schiebt, steckt bei „Schuld". Wer sich einredet, es sei eben viel los gewesen, steckt bei „Rechtfertigung". Beides fühlt sich vernünftig an. Beides hält dich davon ab zu sehen, was du selbst hättest anders machen können.

Du kannst niemanden zu einer Wahl einladen, die du für dich selbst nicht triffst. Ein Team spürt das schneller als jede Ansage. Verantwortung übernehmen heißt nicht, alles selbst zu machen. Es heißt, den eigenen Anteil zuerst anzuschauen.

Dein Zustand ist die Umgebung deines Teams

Hier schließt sich der Kreis. Selbstführung sieht nach Privatsache aus, ist aber die am wenigsten private Sache, die du als Führungskraft hast. Dein Zustand ist nicht dein Zustand allein. Er ist das Wetter, in dem dein Team arbeitet.

Ein Team liest die Stimmung der Führungskraft, bevor es die Agenda liest. Bist du unklar mit dir, überträgt sich eine Unruhe, für die niemand einen Namen hat. Bist du im Reinen mit deiner Woche, entsteht eine Ruhe, die keiner erklären kann. Das ist kein Führungstrick. Es ist die Nebenwirkung davon, dass du dich selbst im Blick hast.

Deshalb kommt Selbstführung nicht am Ende, wenn alles andere läuft. Sie kommt zuerst, weil ohne sie das andere gar nicht laufen kann. Drei Fragen am Sonntagabend sind kein Luxus für ruhige Wochen. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass die unruhigen überhaupt zu führen sind.