Monolog

Was bleibt, wenn man einfach weitergeht.

Irgendwo in der Innenstadt. Mittags. Sonne, Lärm, die übliche Betriebsamkeit einer großen Stadt.

Ich war in Gedanken. Wie meistens beim Laufen.

Dann: eine Frau. Mittleren Alters. Einen Becher in der Hand, irgendwas Warmes. Sie stand einfach da – nicht wartend, nicht gehend. Einfach da. Und in ihren Augen Tränen. Keine frischen. Die andere Art. Die, die sich schon festgesetzt haben.

Ich kannte sie nicht. Ich weiß ihren Namen nicht. Ich werde sie wahrscheinlich nie wiedersehen.

Und trotzdem.

Es gibt Momente, die sich weigern, einfach zu vergehen. Dieser war so einer. Nicht weil etwas Dramatisches passiert ist. Sondern weil es so still war. So unspektakulär. Eine Frau mit einem Kaffee und einem Schmerz, den niemand gesehen hat. Außer vielleicht ich – und selbst das nur halb.

Ich bin weitergegangen.

Das ist das Ehrliche daran. Ich hab sie nicht angesprochen. Hab nicht gefragt, ob alles okay ist. Ich hab geschaut, gespürt, dass da etwas ist – und bin dann trotzdem weitergegangen. Weil man das so macht. Weil die Stadt das so macht. Weil wir alle das so machen.

Mich lässt das nicht los.

Nicht wegen Schuld. Nicht wegen einem schlechten Gewissen. Sondern weil mich dieser Moment etwas gefragt hat, auf das ich keine gute Antwort hatte: Wann schaust du wirklich hin?

Ich glaube, ich bin ein Menschenfreund. Das sag ich nicht als Behauptung – das ist einfach, wie ich durchs Leben gehe. Menschen interessieren mich. Ihre Geschichten, ihre Eigenheiten, das, was sie antreibt und was sie manchmal lähmt.

Aber dieser Moment hat mich daran erinnert, dass Interesse allein nicht reicht. Dass Wahrnehmen manchmal mehr braucht als einen offenen Blick.

Was genau – das weiß ich noch nicht - ich denke noch.