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Hochplatte am Sommerabend — eine Tour mit einem Freund

Eine Abendtour zur Chiemgauer Hochplatte mit einem Freund. Was Hobby und Freundschaft mit Führungsqualität zu tun haben.

Manche Berge gehst du, um etwas zu beweisen. Andere gehst du, weil dich jemand fragt, ob du mitkommst. Die zweite Sorte ist seltener und in Wahrheit wichtiger.

Im August 2023 war ich mit einem Fotofreund auf der Chiemgauer Hochplatte. 1586 Meter, Aussicht auf die Kampenwand, Abendlicht. Wir wollten beide nichts beweisen. Wir wollten zusammen schauen. Was wir runtergebracht haben, sind neun Bilder und eine Tour, die ich heute, zwei Jahre später, noch genauer in mir habe als manche Watzmann-Erinnerung.

Was ich daraus mitgenommen habe, hat mit Bergen am Ende wenig zu tun.

Im Coaching frage ich Führungskräfte oft, wo sie sich erholen. Die meisten antworten mit Sport, Schlaf oder Urlaub. Das stimmt alles. Was öfter fehlt, ist die Antwort, die diese Hochplatten-Tour war: ein Hobby mit einem Menschen, mit dem du nichts erklären musst.

Die Hochplatte und der Blick

Die Chiemgauer Hochplatte gehört zur Westgruppe des Chiemgaus, südlich des Chiemsees, nördlich der Kampenwand. Mit 1586 Metern ist sie kein hoher Berg im Alpen-Maßstab, aber sie liegt so, dass die Aussicht erst groß wird, wenn du oben bist. Im Norden öffnet sich der Blick auf das Voralpenland bis zum Chiemsee, im Süden steht die Kampenwand direkt gegenüber, ein Berg, der wie eine Wand aus dem Tal aufsteigt.

Der Aufstieg geht meist über die Hochplatten-Alm, gemächlich, kein Klettersteig, kein technisches Problem. Was die Tour fordert, ist nicht das Steigen. Es ist die Zeit. Wenn du sie als Abendtour gehst, brauchst du den Plan, am späten Nachmittag oben zu sein, das Licht abzupassen und mit Stirnlampe ins Tal zurück.

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Genau dieses Timing macht die Tour aus. Du gehst gegen das Tempo der meisten anderen Wanderer. Du läufst nach oben, während andere absteigen. Und du bist oben, wenn die Bergstation schon zu ist und niemand sonst stehenbleibt.

Eine Tour mit einem Fotofreund

Wir waren zu zweit. Ein Freund, mit dem ich seit Jahren über Bilder rede. Über Komposition, über Licht, über Kameras, über die Frage, was ein Bild zu mehr macht als nur ein Beleg, dass du da warst.

Auf so eine Tour gehst du nicht, um Höhenmeter zu sammeln. Du gehst, um zu schauen. Und du gehst, weil der Mensch neben dir auch schaut. Das ist ein Unterschied, der dir im Alltag selten begegnet. Die meisten Gespräche sind transaktional — du gibst Information, du bekommst Information, jeder hat sein Ziel.

Auf der Hochplatte gab es kein Ziel. Wir sind oben gewesen, haben fotografiert, haben gegessen, haben geredet, haben geschwiegen. Mein Freund hat Aussichten gefunden, die ich übersehen hätte. Ich habe Geschichten erzählt, die ich seit Wochen mit mir herumgetragen habe und nicht losgeworden bin. Die Tour hat beides zugelassen.

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Was Bilder dir zurückgeben

Ich habe neun Bilder runtergebracht. Sie liegen seit über zwei Jahren auf meiner Platte. Manche sind technisch sauber, manche nicht. Was sie alle haben, ist ein Stück Abendlicht über der Kampenwand, das ich mir nicht ausgedacht habe — das war einfach da.

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Fotografie auf Bergtouren ist für mich zweierlei. Erstens, sie zwingt dich, langsamer zu schauen. Wenn du einen Kompositionsentwurf im Kopf bauen musst, kannst du nicht gleichzeitig auf dein Handy gucken. Du bist in der Szene, weil du sie verstehen musst.

Zweitens, sie liefert dir später einen Anker zurück. Wenn ich heute die Hochplatten-Bilder durchblättere, ist die Tour wieder da. Geruch, Licht, Stimmung. Ich erinnere mich an Gespräche, die ich sonst längst vergessen hätte. Die Bilder sind weniger Erinnerungs-Beleg als Erinnerungs-Auslöser.

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Warum das in Führungsgesprächen aufkommt

In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, wie oft Führungskräfte ein Defizit beschreiben, das sie selbst nicht benennen können. Sie sagen, sie seien gestresst, ausgelaugt, nicht mehr richtig kreativ. Sie haben Sport gemacht, sind in Urlaub gefahren, haben Coaching gemacht. Es hilft, aber etwas fehlt.

Was oft fehlt, ist ein Hobby mit einem Menschen. Nicht Hobby allein — laufen, lesen, kochen funktionieren auch solo. Sondern Hobby plus jemand, dem du nichts erklären musst und der dir nichts erklären muss. Eine Praxis, die du teilst, ohne dass es ein Projekt wird.

Diese Konstellation ist selten, weil sie nicht effizient ist. Du musst Zeit investieren, ohne dass am Ende ein Output steht. Du musst dich auf einen Menschen einlassen, dessen Stunden gerade in dem Moment nicht zählen sollen. Und du musst akzeptieren, dass dieser Raum kein Coaching ist und kein Networking — er ist einfach.

Wer das nicht hat, fehlt sich selbst eine Quelle. Wer das hat, merkt nicht, wie viel davon im Job ankommt. Du gehst Montagmorgen zur Arbeit und denkst klarer. Du sprichst mit deinem Team anders. Du gehst durch eine Sitzung, ohne dich zu verkanten. Nicht weil du gelernt hast, in der Sitzung anders zu sein. Sondern weil das Wochenende davor anders war.

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Praktisches, wenn du die Hochplatte selbst gehen willst

Ausgangspunkt ist Marquartstein oder Schleching im Chiemgau. Von Marquartstein über die Hochplatten-Alm sind es rund 900 Höhenmeter, drei bis vier Stunden Aufstieg, festes Schuhwerk reicht. Im Sommer ist die Tour gut machbar, im Herbst hast du das schönere Licht, aber kürzere Tage — Stirnlampe nicht vergessen.

Wenn du sie als Abendtour gehst, plane den Aufstieg so, dass du eine Stunde vor Sonnenuntergang oben bist. Das gibt dir Zeit für die Kampenwand-Sicht im warmen Licht. Der Rückweg im Halbdunkel ist Teil der Tour, nicht ihr Anhängsel.

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Und: Geh mit jemandem. Allein lohnt sich der Berg auch. Aber Abendtouren teilst du besser.

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Was du mitnehmen kannst

Wenn du nichts vom Berg mitnimmst, nimm das mit: Suche dir ein Hobby, das du mit jemandem teilst. Nicht, weil du musst. Weil du es darfst.

Eine Bergtour, eine Stunde zusammen schweigen, neun Bilder, an die du dich zwei Jahre später noch erinnerst — das ist keine Wellness. Das ist die Substanz, aus der du die nächste Woche bestreitest.

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